Suchen
Close this search box.

Wann macht ein Kinderrollstuhl Sinn?

Mobilität ist ein Grundbedürfnis und wird von Kindern über ihren Spieltrieb erfüllt, weil sie damit neue Sinneseindrücke, soziale Kontakte und Interaktionen verbinden. Mobilität ist sogar Mittel zum Zweck, denn ein Kind kann mit ihr z. B. seiner Mutter folgen, um Nahrung, Zuneigung, Wärme zu bekommen. Und es kann sich von der Mutter entfernen, um mutig zu werden und Selbstständigkeit zu erlernen. Mobilität ist also der Schlüssel für alle weiteren Entwicklungsschritte – seien sie kognitiver, motorischer, sozialer, interaktiver, kreativer oder intellektueller Art. Diesem natürlichen Bedürfnis steht leider die (verbreitete) Auffassung gegenüber, dass ein Rollstuhl nur die letzte Möglichkeit sein kann. Dass dem nicht so ist und warum eine möglichst frühe Versorgung mit einem Kinderrollstuhl Sinn macht, erfahren Sie in diesem Beitrag.

Wenn einem Kind elementare Entwicklungsschritte versagt bleiben, muss es wenigstens ersatzweise und im natürlichen Zeitfenster vergleichbare Wahrnehmungen erleben, nämlich eigene Mobilität in aufrechter Haltung. Ein kindgerechter und optimal angepasster Rollstuhl kann diese Vermittlerrolle übernehmen, entscheidende Weichen in der Entwicklung eines Kindes stellen und nachhaltige Effekte erzielen.

Bei der Versorgung von Kindern (der sogenannten Frühförderung) orientiert man sich an den natürlichen Entwicklungsfenstern, denn man möchte mit einer frühkindlichen Rollstuhlversorgung den Kindern wenigstens ersatzweise das ermöglichen, was ihnen eine Behinderung oder Erkrankung verweigert. Deshalb ist eine eigenständige Fortbewegung auch frühestmöglich (bereits ab 12 Monaten) zu fördern.

Kinderrollstuhl Mio von SORG

 

 


Was Hänschen nicht lernt…

Ein Plädoyer für die frühkindliche Rollstuhlversorgung

Beitrag von Bernhard Wendel

Vor mehr als 20 Jahren hat der badische Tüftler Hugo Sorg auf der REHACARE einen der serienmäßig kleinsten Kinder-Rollstühle mit nur 14 cm Sitzbreite vorgestellt. Viele hielten das damals für einen Werbegag, für ein Modell, manche sogar für etwas therapeutisch Unseriöses. Trotzdem markiert dieser Winzling den Startschuss für ein Umdenken in der Kinder-Reha. Denn seither orientiert man sich in der Frühförderung zunehmend an den natürlichen Entwicklungsfenstern eines Menschen, denn man möchte mit einer frühkindlichen Rollstuhlversorgung den Kindern wenigstens ersatzweise das ermöglichen, was ihnen ihre Behinderung verweigert. Dennoch ist die frühkindliche Hilfsmittel-Versorgung für viele Entscheidungsträger immer noch eine eher hypothetische Denkübung als praktischer Alltag.

Mit diesem Artikel soll aufgezeigt werden, worin der Sinn einer solchen frühen und frühsten Mobilisierung liegt. Er stellt die Entwicklungsschritte dar, die zu einem mobilen und autonomen Leben als Basis für die Inklusion führen. Und er will erklären, welche Rolle dabei ein individuell konfiguriertes und optimal angepasstes, also kindgerechtes Hilfsmittel übernimmt. Denn Rehabilitation will dem Wortsinn nach habilitieren (das heißt: geschickt machen, befähigen) und nicht den Status Quo zementieren.

 

Kopf oder Beine?

Im Vergleich zu vielen wilden Tieren, die sofort nach der Geburt stehen und laufen können müssen, weil sie sonst gefressen werden, lässt sich der Mensch zum Erlernen seiner selbstständigen, aufrechten Mobilität zugunsten seiner kognitiven Fähigkeiten viel Zeit; im Durchschnitt sind das ca. 2-3 Jahre. Resultat dieser deutlichen Entwicklungsverschiebung ist die Fähigkeit, Aktion und Motorik willentlich und kontrolliert durchführen zu können. Bei Tieren dagegen bleibt die Überlagerung von reflexartigen Bewegungsmustern meist erhalten. Allerdings ist die geistige Entwicklung bei Menschen immer von der gleichzeitigen Entwicklung seiner motorischen Fertigkeiten abhängig. Denn die zerebrale Entwicklung ohne gleichzeitige motorische Aktionen ist ebenso unmöglich, wie motorisches Lernen ohne eine gleichzeitige zerebrale Steuerung. Beide „Entwicklungsstränge“ sind voneinander abhängig. Unsere Sprache spiegelt diesen Zusammenhang sinnfällig wieder und benutzt für kognitive Fähigkeiten „motorisch“ besetzte Wörter: be-greifen, ver-stehen, be-halten, er-fassen, er-fahren, ver-werfen, etc.

Maßgeblich für diesen Zusammenhang verantwortlich ist das winzige Vestibulum (Gleichgewichtsorgan) im Innenohr. Es ist die Grundlage für die sogenannte kinästhetische Wahrnehmung. Das sind Informationen an das Gehirn über die Muskel- und Sehnenspannung, Muskellänge, Gelenkstellung und Position des Körpers im Raum. Man spricht hier von der Eigenwahrnehmung des Körpers, weil die Informationen nicht von der Außenwelt über Sinnesorgane ans Gehirn geliefert werden, sondern aus dem eigenen Körper kommen. Dabei werden bei jeder Änderung der Position des Kindes im Raum – z.B. wenn das Baby hochgehalten oder über die Schulter gelegt wird – durch den Einfluss des Vestibulums Reflexe der Grobmotorik ausgelöst. Diese Reflexe versuchen die neue, veränderte Lage auszugleichen. (Wir kennen diesen Effekt, wenn wir z.B. beim Stürzen instinktiv/reflexartig die Hände nach vorne strecken.) Durch die permanente Wiederholung dieser Sinnesreizung lernt das Kind im Verlauf der ersten 12-18 Monate, seine reflexhaften, grobmotorischen Bewegungen zu kontrollieren und kontrollierte Bewegungsmuster aufzubauen.

Diese Kontrolle über die Grobmotorik ist dann die Basis für die spätere Entwicklung der Feinmotorik. Jedes „normale“ Kind durchlebt – quasi nebenbei – diesen Lernprozess in der Regel zwischen dem 12. und 18. Monat. Die ersten Lernschritte finden in den oberen Extremitäten statt, das Kind lernt seine Kopfhaltung zu kontrollieren (das Zentrum der kinästhetischen Wahrnehmung!). Danach lernt es, den Rumpf zu steuern (selbstständiges, aufrechtes Sitzen), seine Extremitäten als „zu sich gehörend“ zu erleben und sie zielgerichtet zu benutzen (Greifen, Strampeln), dann mit den Armen und später mit „allen Vieren“ zu krabbeln, sich selbstständig aufzurichten und schließlich zu laufen.

 

 

Fehlentwicklung durch Schamgefühl

Was aber geschieht bei Kindern, denen aufgrund ihrer Behinderung die Möglichkeit zu einer „normalen“ Entwicklung erschwert oder sogar versperrt ist, wenn sie sich nicht aufrichten und das Laufen lernen können?

Zugegeben: die Nachricht von der Behinderung des eigenen Kindes ist für viele Eltern nach wie vor ein Schock. Strategien, um die Behinderung so lange wie möglich vor dem Umfeld zu verheimlichen, sind da durchaus verständlich. Wenn aber einem Kind diese elementaren Entwicklungsschritte versagt bleiben, muss es wenigstens ersatzweise und im natürlichen Zeitfenster vergleichbare kinästhetische Wahrnehmungen erleben, nämlich Mobilität (also dreidimensionale Veränderung im Raum) in der aufrechten Haltung (die Basis unseres Seins und unserer Wahrnehmung). Ein kindgerechter und optimal angepasster Rollstuhl kann diese Vermittlerrolle übernehmen. Dabei geht es weniger um den Ausgleich der physischen Defizite seines Benutzers, sondern um die so „Not“-wendige vestibuläre Stimulation.

 

Ohne diese wird eine Phalanx von Spätfolgen provoziert: Fortbestand von reflexbedingten Bewegungsmustern, fehlende Rumpf- und Kopfkontrolle, Wahrnehmungsdefizite, Spasmen, Skoliosen, Streckkrämpfe der Extremitäten, Ausbildung von Kontrakturen und Bewegungs-Dysfunktionen, neurogene und neuromuskuläre Dystrophien und Atrophien, Kreislauf-, Stoffwechsel- und Verdauungsinsuffizienzen, psychomotorische Unruhe bis hin zu Hyperkinesen der mimischen Muskulatur mit evtl. Kieferstarre, gebremste bis blockierte Sprachentwicklung mit Fehlfunktionen der Kommunikations- und Interaktionsfähigkeit, etc.

 

Wann macht ein Kinderrollstuhl Sinn? Was Hänschen nicht lernt…

Eine frühzeitige Versorgung mit einem Kinderrollstuhl stellt entscheidende Weichen in der Entwicklung eines Kindes und erzielt nachhaltige Effekte. SORG Rollstuhltechnik z.B. hat aus der intensiven Kooperation mit Therapeuten und Fachkräften exakt für diese frühkindliche Reha-Versorgung einen der kleinsten Kinder-Aktivrollstühle entwickelt: Mio. Mio ist einer der kleinsten und leichtesten Kinderrollstühle und kann fast millimetergenau auf die physiologischen Vorgaben des Kindes eingestellt werden. In der Carbon-Version ist er noch leichter und als Mio Move kann er sogar gekantelt werden. Mit einem solchen Hilfsmittel wird auch den kleinsten Benutzern im natürlichen Entwicklungsfenster die Möglichkeit gegeben, ersatzweise die sensorischen und kinästhetischen Erfahrungen zu sammeln, die ihnen ihre Behinderung verweigert.

Es gibt leider immer noch die (verbreitete) Auffassung, dass eine Rollstuhlversorgung nur die letzt mögliche Lösung sei. Grund für diese Skepsis ist die in Deutschland immer noch vorherrschende Stigmatisierung von Rollstühlen und die Auffassung, dass einen Rollstuhl nur der braucht, der keine Beine hat. Diese Sichtweise fordert vom betroffenen Kind im täglichen Leben einen unnötigen und deshalb kontraproduktiven Kräfteaufwand.

Grundbedürfnis Mobilität

Denn Mobilität ist ein Grundbedürfnis, weil damit das Erleben neuer sinnlicher Eindrücke, neuer sozialer Kontakte und Interaktionen verbunden ist. Mobilität ist hier sogar Mittel zum Zweck, denn ein Kind kann mit ihr (und nur mit ihr!) z.B. seiner Mutter folgen, um Nahrung, Zuneigung, Wärme etc. zu bekommen, kann sich nur mit ihr von der Mutter entfernen, um mutig zu werden und Selbstständigkeit zu erlernen. Diese Kompetenzen sind dann der Schlüssel für alle weiteren Entwicklungsschritte, seien dies: kognitive, motorische, soziale, interaktive, kreative oder intellektuelle Kompetenzen. Sie sind der Schlüssel zum Individuum! Und genau deshalb wollen(und müssen!) sich Kinder bewegen. Von Anfang an.

Wenn ein Kind nicht gehen kann, aber zum Gehen gezwungen wird (ob mit oder ohne Hilfsgeräte), erlebt es seine Mobilität nicht als beglückend und/oder als Instrument für neue Eindrücke, sondern als schmerzhafte, Kräfte raubende und erschöpfende Angelegenheit. Bewegung wird ein permanentes, unangenehmes Muss.

Das Kind kann nicht nach seinen eigenen physischen Möglichkeiten zwischen Aktivität und Ruhe wählen. Deswegen kann es auch nicht an seine Grenzen gehen, um sich weiterzuentwickeln, weil es permanent an seiner Grenze ist. Besonders bei Muskelschwächeerkrankungen ist dies ein eminent wichtiger Aspekt. Mit der Lust an Bewegung erlischt dann auch die Motivation zum Erobern oder Erforschen des eigenen Wirkungskreises, erlischt das Interesse am Umfeld. Der(noch vorhandene) Muskeltonus baut ab, das Kind wird apathisch und kann auch in seiner intellektuellen Entwicklung nicht mit anderen Kindern schritthalten.

 

Rollstuhlgewicht und Kraftaufwand

Zwar können heute im Kinderbereich, Dank modernster Leichtbautechnik Rollstühle gebaut werden, die zum Glück leichter sind als ihr Benutzer (eine Selbstverständlichkeit, die sich erst in den vergangenen 10 bis 15 Jahren ergeben hat). Dennoch begegnet man im Verlauf einer Versorgung immer wieder dem Thema Gewicht; vor allem der Befürchtung, der Rollstuhl sei zu schwer. Zu beobachten ist, dass Eltern oftmals als erste Aktion den möglichen künftigen Rollstuhl ihres Kindes anheben und das Gewicht beurteilen.

Entscheidend aber ist, wie viel Kraft das Kind aufwenden muss, um den Rollstuhl autonom antreiben zu können. Das Gewicht ist hierbei nur ein Kriterium von vielen und eher untergeordnet. Denn ein verminderter Reifendruck oder verschmutzte Lenkradachsen haben einen viel höheren Einfluss auf den Rollwiderstand (und somit auf die Kräfteökonomie) als das Gewicht selbst.

Über den optimalen Greifpunkt und eine angemessene Radgröße gibt es viel mehr Einsparpotential! Zwar sieht ein sehr kleiner Kinderrollstuhl mit sehr kleinen Rädern „proportionierter“ und „niedlicher“ aus, zu bedenken ist aber, dass sich mit kleinen Rädern auch immer nur ein kleiner Greifweg ergibt. Deswegen baut SORG z.B. auch an sehr kleinen Rollstühlen immer das größtmögliche Rad an, um mit dem optimalen Greifweg eine positive Kräftebilanz zu erzielen. Das Kind soll ja beim Fahren Kräfte aufbauen und nicht verbrauchen.

 

Motivation dank Rollstuhl

Wenn ein Kind zum 1. Mal in seinem Leben in einem (selbst verständlich optimal angepassten) Rollstuhl sitzt und nach oft schon wenigen Minuten herausgefunden hat, wie dieses technische Gerät funktioniert, kann man eindrucksvoll erleben, was es bedeuten kann, sein Leben „selbst bestimmt“ meistern zu dürfen! Eltern müssen dann aber auch damit rechnen, dass ihr Kind erstmals einen eigenen Willen artikuliert und auch ausführt, was durchaus zu „Konflikten“ führen kann, die die Eltern bis dahin nicht kannten. Denn das Kind erlebt eine bis dahin nicht gekannte Selbstständigkeit, die es aufgrund seines natürlichen Spiel- und Entdeckertriebs ausloten will: Das Kind will sich von der Mutter oder dem Vater entfernen, um zu… Und es kann sich nun entfernen. Es will sich annähern, um zu… Und es kann sich nun willentlich und selbstständig der Mutter oder dem Vater annähern um Nähe, Nahrung etc. zu bekommen.

Mit dem Rollstuhl spielerisch die Welt entdecken

Es entdeckt quasi spielerisch den Zusammenhang zwischen seiner Motorik und einem Effekt, einer Absicht. Nämlich: Dass es mit seinem „Sich-bewegen“ etwas erreichen kann (es kommt z.B. an Nahrung, Zuwendung) und umgekehrt, dass wenn es essen will, es sich dafür bewegen muss. Daraus entsteht (abhängig vom Krankheitsbild), quasi als „Abfallprodukt“ Kommunikation und Interaktion.

Und diese Kommunikation als Folge eigener sensorischer Wahrnehmung (Reaktionen auf das eigene Verhalten) wird das Fundament, auf dem sich das Kind und der spätere Erwachsene in die Gesellschaft, in sein soziales Umfeld einbringen (integrieren) und daran teilhaben kann und wird. All diese Prozesse und Effekte funktionieren aber nur dann, wenn sich das Kind für seine Aktivitäts-Abenteuer und den damit verbundenen Kraftaufwand motiviert fühlt. Der Rollstuhl muss als Instrument und reines Transportmittel quasi aus der Wahrnehmung verschwinden. Er muss wie selbstverständlich seinen Dienst tun, was er nur dann kann, wenn er dafür auch optimal auf die besonderen Anforderungen eines besonderen Menschen angepasst wurde.

 

 


Weitere hilfreiche Informationen:

SORG Logo